Station 1: Tabor

 Andrea Sailer

 Die eigene Vergangenheit - Ein unbequemes Kleid?

Leben heißt Unterwegssein. Mit jedem Schritt, den wir tun, schreiben wir unsichtbar unsere Geschichte in den Staub der Jahre, hinterlassen winzige Notate zwischen den Blättern tausendjähriger Kalender. Unsere ganz persönliche Lebensreise mag klein und nichtig sein angesichts der Größe dieser Welt, gemessen am Lauf der Geschichte, die sich uns immer nur als Summe präsentiert, als großzügig entworfenes Endprodukt. Die Einzelheiten, aus denen sie sich zusammensetzt, gehen darin uner, und mit ihnen scheinbar auch wir selbst. Scheinbar. So viele sind vor uns schon da gewesen, so viele werden nach uns noch kommen. Welche Rolle spielen wir also überhaupt? Welchen Sinn hat unser Sein, welche Spur können wir da schon hinterlassen, die gewichtig genug wäre, um nicht vom Ozean der Zeit hinweggepült zu werden? Was wir letztlich spüren, das sind die Zeichen der Zeit. Auf Krähenfüßen schleichen die Jahre über das Gesicht. In Kummerfalten legt sich der Stoff, aus dem die Träume sind. Und aus den Mundwinkeln werden zwei kleine Fragezeichen, links und rechts: Was soll jetzt schon noch kommen? Was bringt es noch? Und was hat sich bis jetzt gelohnt?

Wie durch ein Spritzgitter wirft die Zeit braune Flecken auf die Haut, jeder einzelne davon ein unverrückbarer Punkt, nie mehr auszuradieren. So werden manche Sätze endgültig beendet. Aber was verbirgt sich hinter unserer äußeren Form, was bleibt unter der Haut? Was bleibt? Bleibt was?

Unterwegssein heißt in Bewegung sein. Irgendwo herkommen (woher?), irgendwo hingehen (wohin?). Es heißt, ein Ziel haben, eine Ankunft ins Auge fassen. Beizeiten holt uns die Vergangenheit ein. Wir möchten ihr nur zu oft gern entrinnen. Ein törichter Wunsch mitunter, denn die Vergangeheit ist unser Kleid, unsere Haut, unser lebenslanges Gewand. Es schmückt uns gleichermaßen, wie es uns entstellt. Es ist ein Kleid, bestickt mit Tränen, die zu weinen gewesen wären oder ungewollt vergossen wurden. Aber da und dort liegt der Stoff auch in Lachfalten, immerhin. Fehler, Vergehen und Schuld lagern in seinen großen Taschen. Und unter dem Saum blitzt beizeiten ein Zipfel Seele hervor. Geschichte, unsere eigene Geschichte! Sie sit der Mantel, der uns wärmt, aber aus dem wir auch immer ein bisschen herauswachsen, der uns nach und nach beengt. Aufknöpfen, weiter machen, das können wir tun. Ablegen ist nicht möglich. Denn ohne diesen Mantel sind wir unsichtbar. Als hätte es uns nie gegeben.

Manchmal ist dieses Gewand unserer eigenen Vergangeheit ein ungeliebtes Stück. Eine Kummerstola, eine Verzweiflungspellerine, eine nicht mehr ganz weiße Weste, ein notdürftiger Umhang, ganz aus Versäumnissen, Misserfolgen und Niederlagen genäht. Schicksalspatchwork. Und oft noch in der falschen Größe. Und dennoch sind wir dort und nur dort ganz zuhause.

Der äußere Weg unserer Reise ist bekannt. Wir gehen entlang an sicherem Geländer. Da ist Neigung und Pflicht, ist Beruf und Freizeit, ist Gemeinsamkeit und Einsamkeit. Der innere Weg unserer Reise ist durch nichts gesichert. Hinter uns liegen di eabgerissenen Brücken, die iengestürzten Mauern, die aus dem Weg geräumten Steine. Und vor uns? Vielleicht jener Weg, den wir erst bauen müssen mit den Versatzstücken unserer Vergangenheit: dem einen oder anderen Brückenpfeiler, dem Mauerbruch und den unterwegs aufgehobenen Steinen. Daraus lassen sich neue Wege bauen; Umwerge, Irrwege oder die einfachen Wege geradeaus. In der Zukunft, die wiederum unsere eigene, einzige ist, führen sie allemal. Daß wir am Ziel erwartet werden, ist eine berechtigte Hoffnung. Im allerbesten Falle von uns selbst, so, wie wir gemeint sind, mit nichts als unserer eigenen Art.

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